Portrait

Nachhaltigkeit in der Wahrnehmungsfalle

14.08.2025
Christian Lienke

Der andauernde Krisenmodus hat deutsche Anleger sensibilisiert, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Sicherheit und Rendite stehen dabei im Zentrum, die Sicht auf das Thema Nachhaltigkeit hat sich verändert.

Die Union Investment hat eine neue „Anlegerstudie zur Bedeutung von Geldanlage und Nachhaltigkeit“ durchführen lassen. Das Rheingold Institut hat rund 1.000 Privatanleger befragt und festgestellt, dass das Thema Finanzanlage zunehmend an Bedeutung gewinnt: 78 Prozent der Befragten halten sie für sehr wichtig oder wichtig. Im Gegensatz dazu sinkt die allgemeine Bedeutung von Nachhaltigkeit im Vergleich zum Jahr 2022 von 67 Prozent auf 63 Prozent.

Nachhaltigkeit und Geldanlage

In der ungestützten Befragung erwähnen lediglich sechs Prozent der Befragten Nachhaltigkeit als entscheidendes Kriterium bei ihrer Anlageentscheidung – ein Rückgang um vier Prozentpunkte gegenüber dem Jahr 2022. Diese niedrigen Zahlen werfen Fragen zur Wirksamkeit europäischer Nachhaltigkeitsinitiativen und regulatorischer Maßnahmen auf. So beispielsweise bei der seit August 2022 verpflichtenden Erfassung von Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlageberatung. Anja Bauermeister, Abteilungsleiterin Publikumsfonds bei Union Investment, betont in diesem Zusammenhang: „Es ist sinnvoll, Nachhaltigkeit in die Anlageberatung zu integrieren, doch die Umsetzung erfordert mehr Pragmatismus und weniger Komplexität. Nur so können wir Anleger für dieses Zukunftsthema gewinnen und privates Kapital für die nachhaltige Ausrichtung unserer Wirtschaft mobilisieren. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber hier seine Vorgaben nachbessern wird. Denn gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“

Beratungsbedarf zu Nachhaltigkeit

Gibt man den Befragten der Studie Anlageaspekte vor, wird Nachhaltigkeit öfter als relevantes Kriterium bei der Geldanlage genannt. Dann geben immerhin 16 Prozent der Befragten an, dass sie auf die Auswirkungen auf Umwelt und Klima achten, wenn sie Finanzanlagen tätigen. Elf Prozent sind ethische Prinzipien wichtig und sechs Prozent die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Andere Kriterien stehen bei den Befragten aktuell stärker im Fokus: So sagen 65 Prozent der Befragten, dass ihnen vor allem Sicherheit bei ihrer Geldanlage wichtig ist, 62 Prozent achten auf die zu erwartende Rendite. Gut die Hälfte der Befragten, nämlich 53 Prozent, beziehen die Wertentwicklung der Geldanlage in der Vergangenheit in die Anlageentscheidung ein. „Unter dem Eindruck multipler Krisen geht es den Menschen offenbar zuerst darum, sich selbst abzusichern. Themen, die eher der Allgemeinheit zugeordnet werden, wie Nachhaltigkeit, werden nicht mehr so hoch priorisiert“, so Bauermeister.

Interesse an nachhaltigen Investments bleibt

Die Hintergründe für die verschobenen Prioritäten liegen auf der emotionalen Ebene. Hier bietet die Anlegerstudie interessante Erkenntnisse für die Anlageberatung: Über die Hälfte der Befragten, jeweils 51 Prozent, verbinden Finanzanlagen mit Interesse und Spaß zwischen Optimismus und Vorfreude. Im Gegensatz dazu hat das Thema Nachhaltigkeit gemischte Gefühle hervorgerufen: Fast 30 Prozent haben Sorgen bezüglich finanzieller Verluste, 27 Prozent empfinden Bevormundung aufgrund zahlreicher Vorschriften. 52 Prozent sind skeptisch, ob nachhaltige Anlagen tatsächlich nachhaltig sind. 46 Prozent halten sie für teuer und befürchten Renditenachteile. Trotz dieser Bedenken bleibt das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen ungebrochen. 46 Prozent der Befragten planen, sich in den kommenden zwölf Monaten näher mit dem Thema zu beschäftigen, genauso viele wie zuvor bei der Befragung im Jahr 2022. 35 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass sie ihr Geld in Zukunft zum Beispiel in Fonds anlegen, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Eine große Chance für die Volksbanken Raiffeisenbanken, an dieser Stelle mit individueller Beratung und bedarfsgerechten Anlagelösungen zu punkten, die sowohl ökonomische als auch ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. Denn neben Verbraucherschützern und Umweltschutzorganisationen halten die Befragten gerade die Genossenschaftsbanken beim Thema nachhaltige Geldanlage für besonders vertrauens- und glaubwürdig - insbesondere im Vergleich zu Mitbewerbern in der Finanzbranche.